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Vorwort

Einführung

Was ist Stress?

Stress erkennen

Angst und Sorge

Angehörige

Bewältigung

Sich akzeptieren

Stress minimieren

Danksagungen

Wie erkenne ich Stress?

In diesem Kapitel wollen wir etwas genauer betrachten, wie Stress eigentlich funktioniert. Ich fühle mich besser und ich sehe auch besser in meinen eigenen vier Wänden. Das ist so, weil ich mich in meiner gewohnten Umgebung sehr genau auskenne. Ich weiß, wo alles ist - und auch bleiben wird. Diese Sicherheit erspart mir das angestrengte Auf-der-Hut-Sein, das sonst Stress verursacht. Ich habe eine gleichbleibende, matte Beleuchtung in den wichtigsten Bereichen meines Hauses: in der Küche, im Badezimmer, im Büro und den anderen Geschäftsräumen. Meine Sehvermögen ist unter diesen Bedingungen relativ stabil. Aber schon die kleinste Veränderung kann verheerende Folgen haben. Nehmen wir einmal an, ich habe meine überaus große Familie zum Essen eingeladen und treffe Vorbereitungen. Ich muß die Tür öffnen, auf die Kleinen, die auf dem Boden krabbeln, achten, der Person, mit der ich mich zu unterhalten versuche, Gehör schenken, während ich auf vier verschiedene Töpfe, die auf dem Herd kochen, aufpassen muß. Und außerdem muß ich die Uhrzeit wegen des Bratens im Ofen im Auge behalten.

Eine gewöhnliche Hausfrau würde dieses Szenario wohl als "Sehr-Beschäftigt-Sein" oder schlimmstenfalls als "hektisch" bezeichnen. Für mich ist es eine außerordentlich belastende und ermüdende Situation. Eigentlich sollte ich alles genießen, statt dessen ist jede Faser meines Körpers angespannt, und ich möchte am liebsten in die Sicherheit und Ruhe meines Schlafzimmers fliehen.

Ich habe mich selber in eine Situation gebracht, in der ich nur versagen kann. Ich wußte um alle diese kleinen Schwierigkeiten, aber ich habe mir vorgemacht, daß alles schon glatt laufen würde. Ich wollte einfach eine gute Gastgeberin sein und ein leckeres Essen pünktlich auf den Tisch bringen, ohne Unannehmlichkeiten. Ich wollte perfekt sein und habe damit die Realität ignoriert. Das Resultat war lähmende Müdigkeit und Krämpfe im unteren Rückenbereich - ausgelöst durch zuviel Stress.

Viele Menschen überfordern sich, ohne es zu wissen, weil sie versuchen, normal zu funktionieren, ohne dabei zu berücksichtigen, daß sie mittlerweile nicht mehr so belastbar sind. Dies geschieht besonders häufig bei Menschen, die schon eine ganze Weile mit RP-Symptomen leben, deren Krankheit jedoch bis vor kurzem unerkannt geblieben ist. Sie versuchen, wie alle anderen zu funktionieren, und gerade dieses Verhalten hat katastrophale Folgen. Sie verhalten sich oft so, weil sie es nicht besser wissen, und nicht aus lauter Trotz.

Ich höre immer wieder dieselben Klagen. "Gestern hatte ich einen schlechten Tag, ich konnte fast gar nichts sehen." Oder: "Meine Krankheit hat sich verschlimmert. Gestern war ich im Einkaufszentrum und ich konnte einfach nicht mehr so gut sehen wie sonst." Eine häufige Frage ist auch: "Warum kann ich an einigen Tagen besser sehen als an anderen?" "Ist es RP oder Stress?"

Wenn ich es eilig habe, habe ich das Gefühl, schlechter zu sehen als sonst. Wenn ich traurig oder besorgt bin, scheint mein Augenlicht so schlecht wie meine Stimmung zu sein. Wenn ich mich auf unbekanntem Terrain bewege, scheinen meine Augen nicht zu sehen, was vor mir liegt. Was passiert da eigentlich?

Wenn ich ruhig dasitze und ein Buch lese, das ich in einem mir angenehmen Abstand auf dem Schoß halte, und das Licht so von hinten kommt, daß es keine Schatten wirft und auch nicht blendet, sehe ich sehr gut. Meine ganze Aufmerksamkeit ist dann dem Lesen gewidmet, nichts lenkt mich ab. Passiert etwas Unvorhergesehenes, dem ich mich plötzlich zuwenden muß, dann vergesse ich manchmal, daß ich nicht mehr die Fähigkeit habe, auf Anhieb alles zu sehen. Sollte ich in Panik geraten, so schwächt die Energie, die ich für eine körperliche Reaktion aufwenden muß, scheinbar meine Sehkraft.

Geht es Ihnen auch so, daß sie im Urlaub schlechter sehen als sonst? Die Umgebung ist unbekannt, und wir fühlen uns unsicher. Beim Reisen führt schon der Besuch eines WC's zu Stress. (Niemals sind die Toiletten ausreichend beleuchtet, und ich brauche zehn quälende Minuten, um mich an das schummerige Licht zu gewöhnen.)

Haben Sie es jemals erlebt, daß beim Autofahren bereits die Dämmerung des frühen Abends ausreicht, um Sie in Alarmbereitschaft zu versetzen? Man kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, der Körper verspannt sich, und es ist so gut wie gar nichts mehr sehen. Der Druck im Magen steigt in die Kehle und Adrenalin wird ins Blut gepumpt. Die Organe werden in Alarmbereitschaft versetzt. Vielleicht sollen wir kämpfen oder fliehen, wie unsere Vorfahren, die Höhlenmenschen. Aber alles was wir tun können ist sitzenbleiben, und vor lauter Nervosität und Angst in Schweiß auszubrechen.

Die schädigenden Auswirkungen von Stress können auf unterschiedlichste Art zu Tage treten. Es ist wichtig, zu erkennen, daß Stress unser Fühlen und Sehen auf dramatische Weise beeinflußt.Durch das, was wir täglich erleben, haben wir die Möglichkeit, uns bewußt zu werden, was wirklich in unserem Körper vor sich geht, und was wir tun können, um den Stress, dem wir ausgesetzt sind, zu mindern.

Angst und Sorge waren meine ständigen Begleiter, als mir zu Beginn der Krankheit klar wurde, wie mein Leben durch RP aus den Fugen geraten kann. Es war unglaublich, wieviel Energie ich schon an die bloße Vorstellung verschwendete, was mir den lieben langen Tag so alles passieren könnte. Ich plante ganz genau, was ich alles tun muß, um mir nicht weh zu tun, aber irgendwie schien mich mein eingeschränktes Sehvermögen trotzdem immer wieder zu überlisten. Meine ständige Alarmbereitschaft hatte paranoide Züge. Würde ich mir bei einem Sturz das Bein brechen, das Fußgelenk verstauchen, weil ich den Bordstein verfehlte, oder in ein fahrendes Auto hinein laufen? Würde ich aus Versehen das Herren-WC aufsuchen? Oder könnte ich dieses eine Mal bitte das Essen im Restaurant genießen, ohne ein Glas Wasser in das Essen meines Mannes zu kippen? Was würde ich schon tun können, um solche kleinen Katastrophen zu verhindern? Nichts.

Eine freie Entscheidung blieb mir jedoch - ich entschied mich dafür, nicht mehr Auto zu fahren.

Das Autofahren war sieben Jahre lang das, was mein körperliches und seelisches Wohlbefinden am meisten beeinträchtigte. Es ist schon erstaunlich, wie ich es geschafft habe, die Gefahr zu leugnen, die mir durch das Fahren mit eingeschränktem Gesichtsfeld drohte. (Ich nehme an, daß der allmähliche Gesichtsfeldverlust daran Schuld war, daß ich die Situation falsch einschätzte. Ich dachte, ich könnte immer noch genauso gut sehen wie früher. Mein Körper versuchte mir mit Stressreaktionen zu signalisieren, daß ich mich in Gefahr befand. Mein Augenarzt ermahnte mich zwei Jahre lang. Mir wurde endlich klar, daß meine Sehkraft eingeschränkt ist. Ich würde wohl zurückstecken müssen. Es wurde für mich einfach immer schwieriger, die verschiedenen Verkehrszeichen und Gefahrenzonen gleichzeitig im Auge zu behalten.

Als ich mich dann doch entschied, daß Autofahren aufzugeben, fiel plötzlich auch ein großer Teil des alltäglichen Stresses von mir ab. Ich hatte mich unbewußt in andauernder Alarmbereitschaft befunden, ich hatte versucht, mich selbst davor zu warnen, weiter Auto zu fahren. Rückblickend war diese wichtige Entscheidung die einzige Alternative, um unnötigen Stress zu vermeiden.

Ich rate Ihnen deshalb, das nächste Mal, wenn Sie nicht gut sehen, aufzuschreiben, was alles gerade so um Sie herum geschieht, wie es Ihnen geht, oder ob es sonst irgend etwas gibt, das Ihnen Aufschluß darüber geben könnte, warum Sie sich nicht besonders gut fühlen. Ein Tagebuch über die "schlechten" Tage zu führen kann eine wertvolle und hilfreiche Informationsquelle für Sie werden.

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