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Vorwort

Einführung

Was ist Stress?

Stress erkennen

Angst und Sorge

Angehörige

Bewältigung

Sich akzeptieren

Stress minimieren

Danksagungen

Was ist Stress?

Stress ist die naturgegebene Fähigkeit des menschlichen Körpers, sich auf Gefahren einzustellen, und sich vor ihnen zu schützen. Gewöhnlicher Stress hilft uns, das Gleichgewicht zwischen äußeren Reizen und deren sinnlicher Verarbeitung zu halten. Ist der Stressfaktor jedoch über längere Zeit sehr hoch, kann er uns körperlich und emotional zermürben. Stress, der ignoriert wird, macht krank. In Ausnahmesituationen kann es sogar passieren, daß der Körper "dichtmacht".

Menschen mit Retinitis Pigmentosa leben in ständiger Sorge um ihre Sehkraft. "Du siehst mich, du siehst mich nicht", ist eine untertriebene Umschreibung dafür, was es bedeutet, mit ständig wechselnder Sehkraft leben zu müssen. Bei einigen schwingt in dieser paradoxen Aussage Frustration und Traurigkeit mit, andere benutzen diese Worte mit einem Augenzwinkern. Jeder, der RP hat, weiß ganz genau, was mit diesem Satz gemeint ist, beschreibt er doch genau den Verlust des Augenlichts, der die Folge einer progressiven Gesichtsfeldeinschränkung durch die Degeneration der Netzhaut (sog. "blinde Flecken") ist.

Wut, Frustration, Verwirrung, Angst und Besorgnis sind Gefühle, mit denen wir alle in unserem Alltag konfrontiert sind. Mit diesen Gefühlen reagieren wir RP-Kranke auf äußere Reize. Das nennt man Stress.

Wissenschaftler wissen schon lange, daß die Muskelspannung zunimmt, wenn der Körper sich auf unbekannte Situationen einzustellen versucht. Diesen Vorgang kennen auch Menschen mit RP nur zu gut. Vieles von dem, was wir jeden Tag tun, ist nicht gerade die Entspannung fördernd: in dunklen Abseiten den eigenen Weg abzutasten, jemanden in einer Menschenmenge zu suchen oder der Versuch, Treppen in blendendem Sonnenlicht herunterzugehen. Ich habe das Gefühl, ständig auf kleine Katastrophen vorbereitet sein zu müssen.

Dennoch spricht jeder wie beiläufig von Stress. Der Satz: "Ich hatte in letzter Zeit jede Menge Stress", ist ein lässiger Beitrag zum alltäglichen small-talk. Stress scheint das Wort zu sein, das am besten beschreibt, was im Leben der Leute so passiert. Und da ist etwas dran. Stress kann gut oder schlecht sein, aber auf alle Fälle ist Stress ein notwendiger Teil unseres Lebens. Menschen sind jedoch unterschiedlich anfällig für Stress. Einige von ihnen sind extrovertierter, reizbarer und generell intensiver in ihren Gefühlsregungen. Haben Sie sich jemals gefragt, warum der Blutdruck beim Arztbesuch in die Höhe zu schnellen scheint? Warum der Arzt Sie bittet, nicht zu sprechen, während er den Blutdruck mißt? In der Tat steigt der Blutdruck, wenn man sich unterhält. Neueren Studien zufolge kommt es sogar bei Gesprächen in Gebärdensprache zu einem erheblichen Blutdruckanstieg.

Es gibt auch Menschen, die mit Stress scheinbar besser umgehen können. Sie sind weniger angespannt und bleiben in Gesprächen ruhiger als andere. Mein Ehemann gehört zu diesen Menschen, sein Blutdruck ist normal hoch und sehr gleichmäßig. Ich bin das genaue Gegenteil. Mein Blutdruck verändert sich ständig, da ich leicht erregbar bin.

Einen äußeren Reiz, der in Körper oder Geist eine Reaktion hervorruft, nennt man Stimulus oder Stressor. Dieser kann positiv oder negativ sein, auf alle Fälle regt er den Körper an, aufmerksam zu sein, oder sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten. Es gibt zwei grundsätzliche Arten von

Stress, auf die unser Körper reagiert. Die eine ist der akute Stress, der in einer Situation entsteht, die eine unmittelbare Bedrohung darstellt. Etwa ein Autounfall oder eine Verletzung. Die andere ist der Dauerstress, eine Folge der natürlichen Veränderung des Körpers und akuter oder chronischer Krankheit.

Stress ist auch eine Frage der Einstellung. Eine Situation wird dann als Bedrohlich erlebt, wenn wir sie als bedrohlich einschätzen. Besorgnis, Anspannung und Reizbarkeit sind subjektive Gefühle im Umgang mit Stress. Menschen mit RP haben nicht nur auf die tatsächlichen Gefahrenzonen in ihrer Umwelt zu achten, sie müssen auch ständig potentielle Gefahren voraussehen. Der Gang über den Parkplatz eines Einkaufszentrums stellt für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen ein Risiko dar, und auch das Autofahren - ein notwendiges Übel - verursacht ein Gefühl äußerster Anspannung.

Immer wieder fragen wir uns, in wieweit das eingeschränkte Sehvermögen uns beeinflussen wird. Wie oft haben wir jeden Tag Herzrasen oder Adrenalinstöße, wie oft schnellt unser Puls in die Höhe vor lauter Schreck, weil Dinge oder Menschen plötzlich aus dem Nichts vor uns auftauchen? Wie oft schlägt sich in diesen Symptomen unsere Frustration nieder? Und wie oft ist Angst vor möglichen Situationen Ursache von unnötigem Stress? Manchmal kommt uns jedes nur erdenkliche Unheil in den Sinn, wenn wir uns in einer unbekannten Umgebung bewegen. Wieviel Stress handeln wir uns ein, den wir nicht gebrauchen können? In dem Maße, wie wir lernen, mehr auf unsere körperlichen Reaktionen zu achten, werden wir uns bewußt, wie groß der Einfluß unserer eigenen Einstellung und Wahrnehmung darauf ist, wie erfolgreich wir uns an die Stressoren anpassen, die mit RP einhergehen.

Viele Menschen sind der Meinung, sie müßten jeden Stress loswerden. Aber das ist natürlich Unsinn, denn Stress ist ja nicht immer nur schlecht. Wir alle kennen den Stress, kurz bevor die Ferienzeit beginnt - jeder versucht noch so viel wie möglich in letzter Minute zu erledigen. Aber würden wir darauf wirklich verzichten wollen? Auch die Ferienplanung erfordert zusätzliche Aktivität. Aber sollten wir auf die Ferien verzichten, nur weil die Vorbereitung so ein Stress ist? Natürlich nicht. Außerdem haben wir bei einigen Dingen, auf die wir gut verzichten könnten, durchaus verschiedene Möglichkeiten zu reagieren, wenn wir z.B. in der Schlange an der Kasse des Supermarkts anstehen, scheinbar endlos lange am Geldautomaten warten oder ungeduldig im Wartezimmer des Arztes sitzen. Was bringt uns in diesen Situationen dazu, gereizt zu reagieren, uns sogar mit anderen Menschen anzulegen, anstatt uns einfach dafür zu entscheiden, das Warten als angenehm zu empfinden.

Sicherlich gibt es auch Situationen, die Stress verursachen, und in denen ich glaube, keine Wahl zu haben. Das Einkaufen im Supermarkt ist für mich eine solche Situation - überall sind Kartons im Weg, die Neon-Beleuchtung läßt alles vor meinen Augen verschwimmen. Ich habe das Gefühl, das Neonlicht ist ein geheimer Feind, der mir das Augenlicht stiehlt. Während ich mich bemühe, die einzelnen Waren ausfindig zu machen, ärgere ich mich schon in kürzester Zeit über mich selbst. Dennoch ist das Einkaufen von Lebensmitteln eine Notwendigkeit, in die ich mich füge. Ich mache allerdings lieber einmal im Monat einen Großeinkauf, anstatt jede Woche in den Supermarkt zu gehen, da diese Aufgabe zu sehr an meinem Selbstbewußtsein kratzt.

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